Lebenstraum in Blau-weiß.


„Kiryakov“, stellte der Mann sich vor, „welcome!“. Da stand ich nun hechelnd und total außer

Atem oben auf der Brücke vor diesem freundlich lächelnden Mann. 5 Stockwerke musste ich

erklimmen, um ganz nach oben auf die Brücke der „Beluga Stimulation“ zu kommen. Ich hatte

es geschafft, im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei hatte alles nur mit einer Idee und mit einem

Wunschgedanken begonnen. Ein Urlaub in Brunsbüttel an der Schleusenanlage und das Betrach-

ten der großen „Pötte“ machte mich neugierig.

Jedes Mal, wenn bei diesem Besuch ein solcher Pott vor meinen Augen majestätisch vorbei glitt

und entweder langsam die Schleuse anvisierte oder einer elbwärts kommend in den Kanal ein-

bog, breitete sich in mir ein Wunschgedanke aus. Wie wäre es wohl, wenn ich jetzt dort hoch

oben auf der Brücke eines solchen Schiffes mit an Bord sein könnte? Kann man von dort oben über

die den Kanal begrenzenden Bäume, Büsche und Sträucher in die Landschaft sehen? Man kann! Ein

Mal in meinem Leben eine Kanal – Passage mitmachen, das wär´s!

In mir wuchs dieser Wunschgedanke und so rief ich eines Tages Niels Stolberg an. Niels Stolberg,

der wird dir doch sicherlich helfen, den in dir nagenden Wunsch zu erfüllen, dachte ich. Wenn nicht

der, wer sonst?

Niels Stolberg ist Besitzer und Reeder einer der größten Schwergut – Reedereien mit Sitz in Bremen.

Beluga – Shipping, ein guter Name! Gott sei Dank aber wohnt Niels Stolberg in Bad Zwischenahn, so

dass der Kontakt zu ihm leichter als gedacht herzustellen war. Unvermittelt nach meiner Anfrage

erhielt ich schon einen Anruf einer netten Dame aus dem Chefsekretariat. Und dann ging alles ganz

schnell. Ein Termin war ausgemacht, der auch noch in den Beginn meines Schleswig-Holstein-

Urlaubs fiel.

Ich stand mit meinem Wohnmobil auf „Warteposition“ in Rendsburg. Am späten Nachmittag kam

dann der erlösende Anruf aus Bremen, nach dem ich mich am nächsten Morgen um 7.30 Uhr in

Kiel- Holtenau an der Schleuse einzufinden hatte.

Ein lieber Freund „schipperte“ mich dann am nächsten Morgen bereits um 5.30Uhr – die Aufregung

erlaubte keinen langen Schlaf - in Richtung Startpunkt Schleuse Holtenau. Die Sonne lachte. Strah-

lend blauer Himmel. Was sollte schief gehen?

Oh Gott, war ich nervös. Schlimmer noch als vor meiner Hochzeit!

Ich stellte mich auf einen Aussichtspunkt oberhalb der Schleusenkammer und sah das Schiff auch

schon in der Kieler Bucht kommen. Aus Kotka (Finnland) am Finnischen Meerbusen kam das Schiff

mit Hunderten von großen Containern beladen. Ein so genannter „Feeder“ ist die „Beluga Stimulation“,

ein Schiff, welches Container „sammelt“ und zu den großen Häfen wie Hamburg, Bremerhaven und

Rotterdam bringt. Dort sind es dann die richtigen großen Pötte wie z.B. die 400- Meter lange Emma

Maersk oder die „Express“- Schiffe der Hapag-Lloyd-Linie, die allesamt auch schon eine Länge von

350 Meter aufweisen, die diese Container durch die Weltmeere schippern.

Ein junges Mädel kommt auf mich zu, fragt mich nach dem Namen und stellt sich als Mitarbeiterin

der Schleusenverwaltung vor. Auch sie muss auf dieses Schiff, das nun mächtig und mit dröhnender

Maschine vor mir in der Schleuse festmacht.

Ich folge dieser jungen, durchtrainierten Frau die Gangway auf das Schiff hinauf und muss dabei

einen Sprung von fast eineinhalb Meter Tiefe auf das Deck hinter mich bringen. Um Kabel, Rohre

und Ecken von Stahl und Farbe herum verschwindet die junge Frau vor mir immer wieder aus

meinem Blickfeld. Mit meiner Figur, meinem Gewicht und meinem Alter habe ich Mühe, ihr zu folgen.

Bereits im zweiten Stockwerk denkt man, es käme eine Lok durch die Landschaft gefahren, so sehr

keuche ich schon. Oben im fünften Stock angekommen, hängt mir die Zunge so lang aus dem Hals,

dass ich sie fast als Schal benutzen kann. Als der Kapitän mich dann auf der Brücke willkommen

heißt, bekomme ich fast keinen Ton heraus, obwohl ich kurz vor der Tür noch einen „Nothalt“ g

emacht hatte, um etwas Luft zu bekommen.

Nachdem die Modalitäten mit der Schleusenverwaltung erledigt sind, wünscht die junge Frau mir

noch viel Spaß und verabschiedet sich. Zwei Männer kommen an Bord, die sich als Steuermann

und Lotse vorstellen.

Das Schleusen geht in Holtenau schnell vonstatten, auch daran liegend, weil zwischen Kanal und

Ostsee nur wenig Höhenunterschied besteht. In Brunsbüttel dagegen beträgt dieser Höhenunter-

schied zwischen Kanal und Elbe schon erheblich mehr.

Die mächtigen Schleusentore öffnen sich, die dicken Trossen werden gelöst. Ein Zittern durchläuft

das Schiff. Man merkt das Arbeiten der 7200 kw starken Maschinen und das Anlaufen der Propeller.

Mir läuft es kalt über den Rücken!

Ich beobachte das Geschehen auf dem linken Ausguck. Vor mir der Kapitän und der Steuermann,

die nun gemeinsam das 135- Meter-Schiff aus der Schleuse herausbugsieren. Ab nun haben nur

noch der Steuermann und der Kanal – Lotse die „Schiffsgewalt“. Die Beiden sitzen auf der „Brücke“,

jeder einen kleinen Joystick von ca. sechs bis sieben Zentimeter Länge vor sich. Als Überwachung

stehen zwei große Bildschirme bereit. Einer gibt das Bild wie auf einem übergroßem Navi wieder

und der zweite Bildschirm zeigt das sekundenaktuelle Bild der Radaranlage. So wird heutzutage

ein Schiff manövriert.

Bedingt durch die Enge des Kanals an manchen Stellen gibt es so genannte Weichen, in denen

Schiffe Halt machen müssen, wenn sie per Funk dazu aufgefordert werden. Auch bei uns ist es so.

Das erste Mal liegen wir in der Weiche Landwehr und müssen 5 Schiffe passieren lassen. Zugleich

wird dort auch noch gebaut. Alte Holzdalben werden gegen Stahldalben ausgetauscht. Fast eine

Stunde liegen wir dort. Endlich geht’s weiter.

Rendsburg mit der riesigen Autobahn – Hochbrücke (A7), Schwebefähre und der Schiffsbegrüßungs-

anlage lassen wir hinter uns. Kurz hinter Breiholz wechselt dann der Lotse. Ein kleines Lotsenboot

legt seitlich an, ohne jedoch an uns festzumachen. Der alte Lotse geht, der neue kommt. Dann ist

nach wenigen Minuten schon alles vorbei. Die „Zealand“, ein Schwesterschiff der Beluga – Reederei

kommt uns, voll bepackt mit Containern, entgegen.

Der nächste Halt erwartet uns in Oldenbüttel. Etwas ganz Besonderes kommt uns entgegen:

Margarethe, die dänische Königin, mit ihrer wunderschönen Yacht. Ein toller Anblick. Diese Yacht

habe ich übrigens schon einmal vor Jahren gesehen, als ich mit meinem Wohnmobil in Sehestedt

in der Nähe von Rendsburg stand. Nun hatte ich den Anblick von hoch oben. Bedeutend schöner!

Mit dem „neuen“ Lotsen komme ich ins Gespräch. Er fragt, wie ich denn an diese Passage gekommen

sei. Als ich ihm die Zusammenhänge erkläre, erhellt sich sein Gesichtsausdruck. Die Worte sprudeln

nur so aus ihm heraus. Er erzählt von alten Zeiten, als er mit dem Vater des jetzigen Reeders

befreundet und dessen Arbeitskollege gewesen sei. So klein ist die Welt.

Weiter geht´s. Doch nur bis zur Weiche Kudensee. Die Industrieanlagen von „Bayer“ in Ostermoor

liegen vor uns. Die „Prinsendam“, ein unter holländischer Flagge fahrendes Passagierschiff, ist ange-

kündigt. Das bedeutet für uns und auch für alle uns nachfolgenden Schiffe eine weitere Stunde Warte-

und Liegezeit.

Die „Prinsendam“ allerdings lässt sich Zeit. Ich rufe meine Frau an, die mit dem Wohnmobil vorge-

fahren ist und nun in Brunsbüttel am Hafen auf mich wartet. Das Schiff liege immer noch in der

Schleuse, sagt sie. Ein Toubawou sei dort vor der Schleuse, berichtet sie, weil auch noch die Nord-

schleuse repariert würde. Somit steht in Brunsbüttel nur eine große Schleusenkammer zur Verfügung.

Herzlichen Glückwunsch. Wartezeit!

Dann endlich löst sich die „Prinsendam“ aus der Schleuse, um jedoch unvermittelt am nächsten Halt

in Ostermoor nordseitig anzulegen. Endlich löst sich nun auch der lange Halt dieses Schiffes auf. Ein

Unglücksfall an Bord des Passagierschiffes ist der Auslöser für diesen Stopp. Nun dürfen auch wir

unsere Fahrt in Richtung Schleuse fortsetzen. Langsam lassen wir das Passagierschiff, welches hier

samt angedockter Fähre und darauf stehendem Rettungswagen liegt, rechts liegen. Vor der Schleuse

allerdings gibt es nochmals eine Stunde Wartezeit, weil gerade eine Schleusung ansteht. Alles der

Reihe nach. Unter mir am Ufer warten meine Frau und weitere Bekannte, die keine 50 Meter entfernt

sind. Es trennen uns „nur“ 50 Meter Wasser!

Drei Schiffe kommen langsam aus der Schleusenkammer in den Kanal, um dann für uns den Weg

freizumachen. 18 Uhr! Nach 10 ½ Stunden laufen wir im Schritttempo in die Schleusenkammer ein.

Hinter uns kommen noch zwei weitere Schiffe rein. Höchste Konzentration ist nun vom Kapitän gefor-

dert, der ab sofort wieder die Hoheitsgewalt über das Schiff hat. Geschafft! Das Schiff ist fest vertäut.

Ich bedanke mich beim Kapitän und beim Lotsen und verabschiede mich. Dieses soeben Erlebte,

dieser Tag, waren etwas ganz Besonderes. Für mich als Landratte allemal!